Lattenschuss – Kicker auf der Couch

Bücher über Fußball gibt es viele. Aber einen solch drastischen, radikalen und gleichsam zarten Roman über Amateurfußballer und ihre Leidenschaft, der die wahren Gründe von Erfolg und Niederlage unverblümt offenbart, hat es noch nicht gegeben.
Ein Roman, der die Lachmuskeln nonstop ins Ausdauertraining schickt.

Klappentext:
Der Trainer des Fußball-Kreisliga-Teams Rot-Weiß Vierthal ist ratlos. Nichts zu machen! Seine Erste Herrenmannschaft ruft Saison für Saison ihr Potential nicht ab und bleibt stets das Schlusslicht der Liga. Psychologe Albert Wallmann hat gerade erst in der sauerländischen Kleinstadt seine Praxis eröffnet und soll es jetzt richten. Er will die Kicker mental entfesseln und bittet sie zum Therapiegespräch auf die Couch. Das Ziel seiner Schützlinge: Die Meisterschaft.
Dieser Roman ist drastisch, provokant und leidenschaftlich zugleich.

Foto: Dirk K. Zimmermann

Foto: Dirk K. Zimmermann

Leseprobe:

Die Pille. Die Kirsche. Das Ei. Das Ding. Das Leder. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert neunzig Minuten. Elf Freunde müsst ihr sein. Geht raus, spielt Fußball. Flach spielen, hoch gewinnen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Plattitüden. Treffen das Thema doch nur am Rande. Das war alles viel komplizierter. Das sollte ich entdecken.
Ich habe mich eigentlich nie sonderlich für Leibesübungen interessiert. Bockspringen. Ringe. Reck. Am Seil zur Hallendecke hinaufklettern. Barren. Weitsprung. Fünfzig-Meter-Lauf, Hundert- Meter-Lauf. Dauerlauf. Öde! – Wie sagte Nachbar Koller noch, als wir auf der Straße ein Schwätzchen hielten und zwei Jogger schweißüberströmt an uns vorbeiliefen? – „Die stressen sich wieder.“ Koller war ein ehemaliger Kneipenwirt, sollte man vielleicht wissen. Sport war schon für ihn okay. Einarmiges Reißen. Damit meinte er das Führen eines Bierglases zum Mund. Augensprint. Bedeutet, im Bezahlfernsehen Fußball gucken. Zungenakrobatik. Fachsimpeln. Aber eben keinen Stress, sondern Genuss.
Soweit ich weiß, sind in seiner Gaststätte Zur Eiche nur zwei Stammgäste an einem Herzinfarkt gestorben. Vom Stuhl gesackt. So mir nichts, dir nichts. Koller wollte den plötzlichen Herztod von keinem der beiden auf ein mitreißendes Fußballerlebnis zurückführen. Obwohl beim ersten, einem SC-Fan, der Sensenmann kurz nach einem Mittwochabend-Spiel vorbeikam und der Herr sich aufregte, weil die 4:1-Niederlage durch zwei unberechtigte Rote Karten gegen seine Mannschaft hervorgerufen worden sei; der zweite, ein FC-Fan, am Sonntagnachmittag das Zeitliche segnete, beim siebten Frust-Pils und Doppelkorn, kurz nachdem der FC mit 4:0 von der Sportvereinigung deklassiert worden war. Der Herztod-Gast hatte nur eineinhalb Stunden zuvor noch auf der Tribüne gestanden, die Fäuste dem Schiedsrichter wutentbrannt mit hochrotem Kopf entgegenreckend. Drei Strafstöße gegen den FC. Allesamt selbstverständlich Fehlentscheidungen. Da ist man auf hundertachtzig. Und dann … Herzkasper!

Ludus. Das Spiel. Meiner Meinung nach wird es immer dann besonders interessant, wenn Sport gleich Spiel ist, und ein Ball dabei im Zentrum der Aktion steht. – Die Arena. Die Zuschauer. Die Gladiatoren zum Wettkampf bereit.
Ich war mal ein kleiner Gladiator gewesen. Ich hatte in der C-Jugend mit dem Fußballspiel begonnen. Als Verteidiger. Warum wird man Verteidiger? Weil der Trainer einem nur zutraut, das Spiel zu zerstören. Zumindest mein Trainer dachte so.
In der B-Jugend und in der A-Jugend war ich dann Mittelfeldspieler. Nicht die Nummer zehn. Die Nummer acht. Zentrale Schaltstelle. Früher bedeutete das was. Die Nummer. Heute ist das ja egal, ist alles ein Nummernsalat geworden. Aber früher wusstest du, die zehn, das ist der Spielmacher. Ich war Kreismeister mit den A-Junioren. Das war ganz nett gewesen. Die Mädchen aus der Nachbarschaft oder welche, die man von der Schule her kannte, kamen manchmal zum Spiel und guckten zu wie wir tricksten und kämpften. Mehr kämpften. „Man muss über den Kampf zum Spiel finden“, sagte unser Trainer immer. „Tugenden entdecken.“ Es fiel mir schwer an Tugenden zu glauben, wenn ich die Schienbeine beim Pressschlag bersten hörte. „Du darfst nicht zurückziehen“, hieß es im Training. „Wer zurückzieht, der verletzt sich!“ – Dann das nächste Spiel. Kurz vor der Halbzeit. Der Ball tickte nach einem weiten Abschlag des Torhüters auf, sank gen Erdboden, der gegnerische Verteidiger und unser Stürmer preschten heran, zielten, zogen das Schussbein mit voller Wucht durch, der eine traf den Ball, der andere den Ball auch, aber ein ganz kleines bisschen später als sein Kontrahent. Der zu spät gekommene Fuß rutschte über die Kugel hinauf zum Schienbein des Gegenspielers und – Knack! Paralysierte Schmerzensschreie. Trage. Rettungswagen. Chöre von den Rängen: Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen.

Brot und Spiele.
Ich habe mit achtzehn Jahren aufgehört Fußball zu spielen. Bin aus dem Verein ausgetreten. In eine andere Stadt gezogen. Habe mich für andere Dinge interessiert. Bin nur ab und zu mal ins Stadion gegangen. Mit Freunden. Currywurst essen. Ein Bier trinken. Das Gekicke anschauen. Mitfiebern. Meistens Stehplatz. Manchmal Sitzplatz. Fußball ist ja auch die schönste Nebensache der Welt, sagt man.
Sie wurde allerdings zur Hauptsache. Einige Jahre später. Nach meiner Zeit an der Universität. 1990. Ich hatte mein Psychologiestudium erfolgreich absolviert und eine Praxis im Sauerland eröffnet. In einem kleinen Ort, Vierthal, dreißigtausend Einwohner, direkt an der Lenne gelegen. Es praktizierten dort: Drei Zahnärzte, zwei Gynäkologen, drei Allgemeinmediziner, ein Chirurg, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, ein Augenarzt. Und ab sofort ein Psychologe, meine Wenigkeit, mit Namen Albert Wallmann, Anfang dreißig. Meine Praxis war mickrig. Ein Vorraum, ein Gesprächsraum, ausgestattet mit einem Tisch, zwei Stühlen und zwei Sesseln, einer alten abgewetzten Ledercouch.
Man kann sich denken, ein zugezogener Seelenklempner und die robusten Sauerländer. Wer soll da schon in die Praxis kommen? Zappelige Kinder. Vielleicht. Irgendwann mal. Der Anton mit dem Augentick. Den man in der Stadt den Blinzler nannte. Bei ihm hatte alles Pointe. Auf dem Markt sagte er der Obstverkäuferin die Äpfel seien aber schön knackig und kniff dabei ein Auge. Weil seine Nerven es so wollten. Daraufhin bekam er direkt eine geschallert.
Anton war mein Klient. Hinzu kamen Rosel mit dem Putzfimmel und Wilfried mit dem Waschzwang. Das war’s. Nach gängigen wirtschaftlichen Kalkülen macht einem die Werbebranche ja vor, wie es gehen muss, wenn eine Dienstleistung nicht sonderlich nachgefragt wird. Man muss Interesse und Begehrlichkeiten dafür wecken. War ich leider nicht der Typ dazu. Aber ich bemerkte, dass es in der Stadt unheimlich viele Brillenträger gab und wusste durch ein Pläuschchen beim Metzger, als ich mir mittags ein Fleischwurstbrötchen einverleibte, dass die Stadt, besser gesagt, die Bevölkerung von Vierthal, ein beinahe pandemisches Problem mit der Angina tonsillaris – also der Mandelentzündung – hatte, welches dazu führte, dass der ansässige Hals-Nasen-Ohren-Arzt im Eilverfahren Mandeln entfernte und gerade erst nach seiner frisch gekauften nagelneuen Mercedes-Limousine auch noch die Villa Ulmenhain sein Eigentum nennen durfte. Man muss die Gunst der Stunde nutzen. Diese Quintessenz schien mir Vierthal zuzurufen.

Mein Einstand als Psychologe stand im Jahr 1990, dem Jahr in dem Deutschland Fußball- Weltmeister wurde – Sie entsinnen sich, unser Andi Brehme verwandelte im Endspiel gegen Argentinien sicher den entscheidenden Elfmeter zum 1:0 – unter einem schlechten Stern. Als Pionier fernab neurotischer Urbanität schien ich bereits im Ansatz zu scheitern. Ich wusste nicht, wie ich die Miete zahlen sollte, hatte meine Mutter angerufen und sie zum wiederholten Male anzupumpen versucht, diesmal erfolglos, ich sei enterbt, mit diesem herzlosen Satz beendete sie das Telefongespräch, als Detlef Dudel in meine Praxis kam.

Ich kannte ihn von Fotos aus dem Lokalblättchen. Detlef, Trainer von Rot-Weiß. Spitzname: Der Schleifer. Von den Unabsteigbaren. Kreisliga C. Tiefer ging es nicht mehr, denn danach kam nur noch vom Spielbetrieb abmelden.

Detlef trug Kutte, also Trainingsanzug. Sein kantiges Haupt zierte ein extrem kurzer Bürstenschnitt am Oberkopf, hinten reichte ihm das dunkelbraune Haar hinab bis auf die Schultern. Er war ein Typ Marke Pitbull. Kleiner, fester Bierbauch. Eisblaue Augen. Ich schätzte ihn auf Anfang vierzig. Detlef war nervös, begrüßte mich hastig, setzte sich mit einem Rumms. „Herr Wallmann, dass ich hier bin, ist mit Eins-V-S abgesprochen. Eigentlich komm’ ich, weil Eins-V-S es so will. Na ja, klar, ich will es auch, sonst wäre ich ja nicht hier.“
Er holte, ohne meine Reaktion abzuwarten, einen braunen DIN-A-5 großen Umschlag aus der Trainingsjacke und legte ihn vor mir auf den Tisch.
„Herr Dudel …“
„Detlef, sagen Sie ruhig Detlef, oder auch Schleifer. Sagen sie ja alle.“
„Gut … Detlef. Was möchten Sie mit mir besprechen?“
Detlef schielte an mir vorbei auf die Zimmerwand, auf das Acrylgemälde des tosenden Niagara- Falls.
„Wir, also, das hat unser Erster Vorsitzender auch gemeint, wir wollen diese Saison angreifen. Wir wollen nicht, dass alles immer den Bach runtergeht …“
„Ich soll Ihre Mannschaft psychologisch betreuen? In der kommenden Saison …“
Detlef schnaufte, als ob er einen mehrere Kilometer langen Knie-Hebel-Lauf hinter sich gebracht hatte.
„Jawoll. Es geht bald wieder los, wir haben schon den neuen Spielplan, und, weil unsere Jungs, ich mein’ die Jungs vom Kaiser Franz, ich mein’, weil wir Weltmeister sind, da wissen wir ja jetzt mehr als je zuvor, dass der Traum wahr werden kann.“
Ich runzelte die Stirn. „Sie wollen Meister werden …“
„Jawoll.“
„Wie waren denn die Platzierungen in den letzten drei Jahren?“
„Nicht so besonders“, druckste Detlef herum.
Ich schaute ihn auffordernd an.
„Letzter, Drittletzter, Vorletzter.“
„Man darf träumen. Aber …“
Detlef beugte sich vor, legte die geballten Fäuste auf den Tisch. „Der Kaiser sagt auch, Fußball wird im Kopf entschieden. Meine Jungs, die können alle Fußball spielen. Mindestens so gut wie die anderen Mannschaften, die sich ganz oben in der Tabelle tummeln werden …“
„Dennoch …“, wollte ich widersprechen.
„In der Birne, da hapert’s. Und deswegen bin ich ja auch hier. Ich brauche Ihre Hilfe.“
Er löste eine Faust und schob mit seinen wulstigen Fingern den Umschlag näher zu mir hin.
„Wir haben gesammelt. Unter den Spielern, den Mitgliedern, der Rudi, unser neuer Sponsor, hat was springen lassen, sogar der Pastor hat reingebuttert. Das muss aber unter uns bleiben. Sonst heißt es nachher, die Kirchensteuer wird verschleudert. Ehrenwort?“
Ich nickte mechanisch. „Sie möchten ein Fußball-Wunder wahr machen.“
„Der Glaube kann Berge versetzen, sagt der Pastor immer, aber bis jetzt hat sich kein Hügel auch nur einen Millimeter bewegt. Die meisten Leute halten Sie für einen Quacksalber, aber der Anton hält große Stücke auf Sie.“

„Der Anton …“
„Ja, der Anton hat ’ne Dauerkarte bei uns.“
Ich schaute auf den Umschlag.
„Was ist da drin?“
„Fotos vom Team, Namen der Spieler, der Spielplan. Geld. Fünfundzwanzigtausend in bar. Wir haben uns erkundigt, was so eine Therapiestunde kostet. Wir sind neunzehn. Wir hoffen, dass es für die Saison reicht. Mehr Kröten haben wir nicht.“
Er blickte mich an wie ein Dackel, der zum Jäger aufschaut um dem Hasen hinterherjagen zu dürfen.
„Haben Sie neue Spieler eingekauft?“
Detlef sah mich durchdringend an, grinste. „Wir haben uns informiert. Sie waren mal Fußballer. Aber das ist wohl schon zu lange her.“
„Wieso?“
„Wir können keine großen Transfersummen bezahlen, die drei neuen Spieler sind sozusagen ablösefrei zu uns gekommen. Stopp. Einer hat was gekostet. Zwei Kästen Bier.“
Ich lächelte. Er lächelte.
„Also gut“, sagte ich. „Probieren wir es. Aber bedenken Sie bitte, ich kann nicht zaubern!“
Detlef atmete auf. Tausende Tonnen der Last schienen von seinen Schultern zu fallen.
„Herr Wallmann, danke, Hammer, einfach genial. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Angst ich vor unserem Gespräch hatte. Das war schlimmer als jeder Truppeneinsatz im Gefechtsgraben.“
Ich horchte auf. „Bundeswehr?“
Detlef nickte. „Berufssoldat, Hemer, zehn Jahre. Jetzt bin ich Postbote. Bezirk Ost.“
Ich zog den Wust Papier aus dem Umschlag, trennte die Fotos und weißen Blätter mit handschriftlichen Notizen (feinsäuberlich festgehalten waren darauf neben dem Spielplan die Abschlusstabelle und die kompletten Spielergebnisse der Vorsaison) von den Geldscheinen. Ich öffnete die Schreibtischschublade, nahm den Quittungsblock heraus, zählte das Geld, füllte einen Beleg aus und übergab ihn an Detlef Dudel. Detlefs Gesichtsausdruck wechselte von hochjauchzend auf zu Tode betrübt.
„Wann kann ich die erste Therapiestunde bekommen?“
„Sie?“, fragte ich ungläubig.
„Ich. Ich erreiche doch meine Mannschaft nicht mehr. Was ich sage, das wird nicht umgesetzt.“ „Hm …“, brummte ich. „Ich schaue mir erst die Mannschaft mal an, ich meine die Fotos und so.“ „Das Training startet nächste Woche“, sagte Detlef.
„Kommen Sie übermorgen. Am frühen Abend. Gegen sieben“, erwiderte ich.
Detlef war einverstanden.
Während er hinausging, sah ich die weiße gefilzte Schrift auf seiner roten Trainingsjacke. Rot- Weiß, wie lieb ich dich.

Lattenschuss – Kicker auf der Couch Dirk K. Zimmermann
Roman
ca. 120 Seiten
ISBN: 978-3-7386-3190-6 (Print) Preis: 9,99 €

Autor: Dirk K. Zimmermann, geboren 1968 in Essen und aufgewachsen im sauerländischen Plettenberg, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Er lebt heute in der Nähe von Bochum. Von ihm bisher erschienen sind: Hinter der Fassade (2014) und Spuren von Reue (2015).

Quellennachweis: Dirk K. Zimmermann

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